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top100weine_2013-rueckblickIn der Ovalhalle Museumquartier Wien fand am 8.10.2013 die Weinverkostung der Top 100 Weine aus der Thermenregion Wienerwald statt. Manfred Horak war vor Ort und probierte ein Drittel der dargebotenen Weine.

54 Weingüter aus 19 Orten präsentierten insgesamt 100 Weine, die als Top Weine der Thermenregion Wienerwald gelten, weil sie im Vorfeld eine zweitägige, verdeckte Verkostung überstanden haben und sich also daher im MQ Wien präsentieren dürfen.

Erste Eindrücke

Eine überfüllte Ovalhalle war gleich mal der erste Eindruck. Die Menschenmasse verdeckte die Kargheit der Halle, unangenehm ob der Vielzahl an Menschen, die Akustik, also viel Hall, ansonsten aber eine angenehme Stimmung. Wie auch bereits in den vergangenen Jahren kam es zu einer Situationskomik, als ein Besucher offenbar hilflos betrunken vor der Weinglasausgabe kniete, weil er sein Weinglas irgendwo vergessen hat. Fast schon singend bettelte er um ein neues Glas. Aber das ist freilich die Ausnahme, die Mehrzahl notierte sich eifrig Notizen ins Kostbuch und viele taten sehr fachkundig. Vermutlich sind sie es ja auch.

alphart-am-muehlbachSo schmeckten die Chardonnay

Wenn man es nun chronologisch angeht beginnt die große Verkostung beim Chardonnay. Hier standen 16 Weine zur Auswahl und gleich der im Kostkatalog angeführte 2012 Chardonnay Klassik von Alphart am Mühlbach wusste zu beeindrucken. Das Weingut am Mühlbach der Familie Robert Alphart ist ein traditionsbewusster Familienbetrieb und betreibt seit 1762 Weinbau in Traiskirchen, wobei die Familie über eine Anbaufläche von etwa 5 Hektar verfügt. Die Rieden befinden sich zwischen Traiskirchen und den Südosthängen vom Anninger. Sympathisch, lange Wirkung, edel sind nur ein paar Stichwörter, die zu deren 2012 Chardonnay Klassik notiert wurden. Es begann also vielversprechend, nur konnte leider kein weiterer Chardonnay auch nur ansatzweise auf diesem Niveau mithalten, und wenn, dann noch am ehesten der 2011 Chardonnay Exklusiv von Herzog Brunngassenheuriger aus Bad Vöslau/Gainfarn, dessen elegante Schwere vielleicht ein wenig zu viel Süße in sich birgt, zugleich aber mit seinem Pfirsichgeschmack doch auch sehr rund daherkommt.

weingut-johann-hecherSo schmeckten die Weißburgunder & Pinot Gris

Dieses erstaunlich niedrige Niveau führte sich dann leider bei den Weißburgunder & Pinot Gris fort. Egal, ob die Alte Rebe vom Weingut Drexler-Leeb aus Perchtoldsdorf oder die Weißburgunder Reserve von Pferschy-Seper aus Mödling (um nur zwei zu nennen): Mehr als ein lapidares "unaufregend" fand nicht Platz in den Notizen. Mit dem 2012 Soosser Weissburgunder von Johann Hecher gab es dann aber doch noch ein fulminantes Trinkerlebnis. Die Familie Hecher betreibt seit 1765 in Sooss bei Baden/Wien Qualitätsweinbau mit handverlesenem Traubengut. Ihr 2012 Soosser Weissburgunder verdient sich locker das Prädikat TOP, da schwung- und kraftvoll im Geschmack. Ein Wein, der sich von den insgesamt 12 dargebotenen Weißburgunder & Pinot Gris locker abhob.

So schmeckten die Zierfandler & Spätrot-Rotgipfler

Die größte Enttäuschung bei den Weißweinen waren sicherlich die Zierfandler. Da gab es keinen einzigen, der hohe Ansprüche befriedigt, aber gut, ich hatte nur fünf von elf gekostet. Weder der 2012 Zierfandler Ried Otzler von Alphart am Mühlbach, noch der 2012 Zierfandler Tradition von Robert Grill aus Gumpoldskirchen oder die Zierfandler Pfarrgarten (2011 und 2012) vom Schaflerhof aus Traiskirchen, und auch nicht der 2011 Zierfandler von Erwin Österreicher aus Pfaffstätten, brachten ein Aha-Erlebnis. Die Notizen dazu ergaben erneut ein lapidares "unaufregend", sowie Einträge wie "Zwischendurch-Wein" oder "nicht Weltbewegend". Ein Zierfandler aus dieser Thermenregion muss also nicht sein. Und auch die Spätrot-Rotgipfler konnten nur bedingt überzeugen, als einziger uneingeschränkt jener von Weingut Hannes Hofer aus Gumpoldskirchen. "Sympathisch, wohlig" wurde hier notiert, und: "Intensiver Abgang. TOP". Am anderen Ende der Skala hingegen der 2012 Zierfandler-Rotgipfler vom Stift Klosterneuburg. Meine Notiz: "Vernachlässigbar".

weingut_martin-nieglSo schmeckten die Rotgipfler

Ganz im Gegensatz dazu die Rotgipfler. Hier waren die fünf Verkostungen ungleich befriedigender. Der 2012 Rotgipfler Klassik von Landauer-Gisperg aus Tattendorf überzeugte hier ebenso mit einer geschmacksintensiven Fulminante wie der 2012 Soosser Rotgipfler Classic von Johann Hecher, der ob seiner großen Betonung - intensiv, aber nicht aufdringlich - zu begeistern verstand. Nicht ganz an diese Klasse kommt die 2011 Rotgipfler Wiege von Leopold Aumann aus Tribuswinkel ran, dafür erreichen zwei andere Rotgipfler ganz locker die TOP Etikette, nämlich der 2012 Rotgipfler von Hannes Dachauer aus Tattendorf und der 2011 Rotgipfler Brunner Berg von Martin Niegl aus Brunn am Gebirge. Zwei Weingüter, die wir uns daher etwas Näher anschauen wollen. Das Weingut Hannes Dachauer ist ein biologischer Betrieb, der moderne Kellertechnik mit traditionellem Ausbau und biologischer Bewirtschaftung durch Individualität Weine mit persönlicher Note entstehen lässt. Und so ist sein Rotgipfler fruchtbetont, sympathisch, elegant im Geschmack und mit einer angenehmen Süße versehen. Sehr empfehlenswert! Das Weingut Martin Niegl hat eine ähnliche Philosophie: "Wir keltern unsere Weine in einem Mix aus Tradition und modernen Methoden. Gleichbleibende Qualität und ein sorten- und gebietstypischer Charakter sind uns besonders wichtig." Sein 2011 Rotgipfler Brunner Berg euphorisiert mit einer gelungenen Duftnote und mit einem kolossalen wie exotischem Geschmackserlebnis. Eine kurze Notiz im Kostbuch lautet: "TOP! Der Sieger".

weingut-heinrich-hartlSo schmeckten die Pinot Noir

Die Rotweine Pinot Noir, St. Laurent und Cuvée Rot standen ebenfalls zur Verkostung bereit, wobei ich die Cuvée Rot (ebenso wie im übrigen die Prädikate, da gab es leider nichts mehr) ausgelassen habe. Einige davon - wie z.B. die 2011 Pinot Noir Reserve vom Weingut Günther Dopler aus Tattendorf überzeugen durch ihren vollmundigen Charakter bei gleichzeitiger Leichtigkeit. "Sanft wie eine Blüte", lautet hingegen ein Eintrag zur 2011 Pinot Noir Selektion von Landauer-Gisperg, der auch mit seiner Diskretion verblüffte. TOP unter den Pinot Noir waren aber vor allem jene von Karl Alphart aus Traiskirchen und jener von Heinrich Hartl aus Oberwaltersdorf. Letzt genannter hat viel vor mit seinem Pinot Noir, wenn er sagt: "Ich möchte einen der besten Pinot Noirs Österreichs machen. Diese Rebsorte ist die größte Herausforderung für einen Rotweinwinzer." Sein 2010 Pinot Noir Graf Weingartl besticht mit einer hervorragenden Fruchtnote, einem angenehmen Geruch und Erstgeschmack, sowie einer langen Nachwirkung. Exzellent. So auch die 2010 Pinot Noir Reserve von Karl Alphart, der mit Leichte und Eleganz punktet. Im Hause Alphart wird seit 1762 Weinbau betrieben, seit 1986 führt Karl den Betrieb. Ihre Weingärten liegen im Herzen der Thermenregion, und werden folgendermaßen beschrieben: "Malerisch schmiegen sie sich an die sanften Ausläufer des Wienerwaldes. Diese sonnigen Hanglagen und die besonderen Braunerde-Muschelkalkböden verleihen unseren Weinen ihre Eleganz und klare Mineralik".

weingut-familie-auerSo schmeckten die St. Laurent

Fehlen noch fünf Weine, die ich probiert habe. Im Wesentlichen haben sie nicht enttäuscht, aber als TOP wurde nur ein Wein notiert, nämlich die 2011 St. Laurent Reserve von Leopold Auer aus Tattendorf. Kommt schon deren 2011 St. Laurent mit einem großen Stimmungsbild daher, erreicht die Reserve durch die feine Milde und Sanftheit ein klares TOP-Niveau. Da konnten die St. Laurent best of 2011 von Landauer-Gisperg, die 2011 St. Laurent Top Edition von Schwertführer 47er aus Sooß und die 2010 Holzspur St. Laurent von Reinisch Johanneshof aus Tattendorf nur bedingt mithalten. Durchaus geschmackvolle, solide Weine, aber eben keine Erlebniswelt wie jene Reserve von Leopold Auer, der mit kräftigen, nachhaltigen Noten von Kirschen, Weichseln und dunklen Beeren, einem kompakt-zarten Schmelz, sowie guten Tanninrückgrat eine absolute Empfehlung darstellt. Passend zu Braten, Wildgeflügel, Wildragout, aber auch zu reifem Weichkäse, hält dieser edle Tropfen 10 bis 15 Jahre.

Letzte Eindrücke

Gesamt betrachtet war das Niveau im Vergleich zum Vorjahr bescheidener. Von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen entpuppten sich die Weine nicht als Spitzenweine, vielmehr als solider Durchschnitt. Einige Weingüter sollte man sich allerdings doch im Bewusstsein halten und eine Weinverkostung vor Ort abhalten, um das Gesamtsortiment zu ergründen. Wer weiß, welche freudigen Überraschungen sich da sonst noch offenbaren. Die Veranstaltung selbst hat mittlerweile eine Größe erreicht, die den Veranstaltern zu denken geben sollte. Wünschenswert wäre von daher entweder die Top 100 Weintage auf zwei Tage auszuweiten oder die Weinverkostung in einem noch größeren Rahmen durchzuführen. (Text: Manfred Horak; Fotos: Archiv Alphart am Mühlbach, Archiv Johann Hecher, Weinbauverein Brunn am Gebirge, Weingut Familie Auer, Weingut Heinrich Hartl)

Link-Tipp:
Top 100 Weine im MQ Wien