Kate Tempest am 5. Mai 2019 bei der Arbeit; Foto: Donaufestival Krems

Kate Tempest, eine der größten Dichterinnen unserer Zeit, hat sich vorgenommen, keine ihrer Konzertabende einander gleichen zu lassen. Wieviel das Publikum dadurch gewinnt, hat sich beim Donaufestival gezeigt.

Konzertkritik Kate Tempest beim Donaufestival Krems

Draußen ist es kalt. Ein Glück, dass das Donaufestival kein Open-Air Festival ist, denkt man sich, als man am Abend des 5. Mai 2019 den Regenschirm abspannt und erfroren den Stadtsaal Krems betritt, in dem in wenigen Minuten die Lyrikerin und Hip-Hop Musikerin Kate Tempest die Bühne betreten wird. Die Halle füllt sich schnell, die Menschen rücken enger zusammen, immer noch zieht von der geöffneten Eingangstür ein kalter Luftzug durch den ganzen Raum. Plötzlich streckt sich ein rotblond gelockter Kopf hinter dem Bühnenaufgang hervor. Es ist Kate Tempest, die mit suchenden Augen über die ersten Reihen im Publikum wandert. Nachdem sie die Person erblickt hat, nach der sie offenbar gesucht hat, strahlt sie über beide Ohren, winkt und verschwindet wieder hinter dem Vorgang. Plötzlich ist es warm.

Improvisierte poetische Alltagsbeobachtungen

Ich habe Kate Tempest, die eigentlich Kate Calvert heißt, bereits vor drei Jahren im Hamburger Mojo Club gesehen. Auch damals war es kalt draußen. Drinnen jedoch, im Jazzclub an der Reeperbahn, konnte man eine Künstlerin beobachten, die sich mit ihrem Wesen, das sich, wie sie selber sagt, einer radical empathy verschrieben hat, unzählige Menschen zutiefst rührte. Sie spielte ihr zweites Album "Let Them Eat Chaos" in seiner vollen Länge, ohne Pausen, ohne dazwischen mit dem Publikum zu sprechen, nur immer wieder unterbrochen von improvisierten poetischen Alltagsbeobachtungen. Am Ende standen sowohl den Personen vor als auch auf der Bühne die Tränen in den Augen. "Hamburg, I don't speak your language, but somehow you seem to speak mine", sagte Kate Tempest damals mit einer Stimme, die vor Ergriffenheit bebte, bevor sie sich mit Dankesworten um sich werfend von der Bühne begab.

Und dann ist da noch Europa, das verloren ist, ein Amerika, ebenso verloren, ein trostloses England, das dem Untergang geweiht ist.

Kate Tempest privat via Instagram"Let Them Eat Chaos", das Album, dem Kate Tempest damals den gesamten Konzertabend widmete und von dem sie auch heute am Donaufestival einige Songs spielt, ist, und das darf man wohl ganz unaufgeregt behaupten, ein Meisterwerk. Konzipiert wie ein Kurzfilm, oder ein Roman, befindet sich das Setting zunächst weit weg, im schwarzen, dunklen Weltraum. "Picture A Vacuum", fordert Kate Tempest auf, beschreibt gemächlich den Anblick der Erde, die Ruhe der blauen Meere, die Konturen der Kontinente, der Landmassen. Sie zoomt mit ihren Beschreibungen immer näher und je näher sie kommt, desto mehr weicht das Bild eines ruhigen, stillstehenden Planeten einem fürchterlichen Zittern, sie zoomt immer näher und landet schließlich in London, dem Ort an dem all ihre Geschichten, sowie auch ihre eigene, verankert sind. Die nachfolgenden Songs widmet sie jeweils einem Protagonisten, die zu dem Zeitpunkt - es ist 4 Uhr 18 in der Früh - alle eines gemeinsam haben. Sie können nicht schlafen. Die Gründe dafür sind so individuell, wie sie universell sind; da ist Gemma, die nachts von traumatischen Erinnerungen heimgesucht wird, Bradley, der vor lauter Leere in seinem Leben eigentlich gar nie richtig aufwacht, Zoe, die ihre Miete nicht mehr bezahlen kann und ihre Habseligkeiten in Kartons verpackt, Esther, die nie abschalten kann, wenn sie nachts von ihrem kräftezehrenden Pflegerinnenjob nach Hause kommt. Und dann ist da noch Europa, das verloren ist, ein Amerika, ebenso verloren, ein trostloses England, das dem Untergang geweiht ist. London spielt in dem ganzen eine große Rolle, es ist die Stadt, in deren Süden Kate Tempest aufgewachsen ist und wo sie hautnah miterleben konnte, was Gentrifizierung bedeutet und was es mit den Leuten macht. Die Frage, wem eigentlich diese Stadt gehört, ist dabei von großer Bedeutung. Tempest nimmt einen auf dem Song "Perfect Coffee" mit auf einen Spaziergang durch ihre alte Nachbarschaft, in der die Clubs in denen sie ihre Jugend tanzend verbracht hat, nun teuren Luxuswohnungen gewichen sind. Pubs, in denen die pints plötzlich zwei Pfund mehr kosten; "since when was this a winery? it used to be the bingo", fragt Tempest traurig und anklagend und mit einer Dringlichkeit, die ihresgleichen sucht.

Man fragt sich plötzlich, bei jedem Gesicht in das man blickt, welche Geschichten die Person mit sich herumträgt

Kate Tempest live beim Donaufestival KremsExistenzängste, Gentrifizierung, Entfremdung, Einsamkeit - wenn diese Probleme auch in London, wo der Neoliberalismus besonders eingeschlagen hat, besonders sichtbar sein mögen, so findet man sie wohl in jeder (zumindest in jeder westlichen) Gesellschaft. Wenn man - so wie die Autorin dieser Zeilen - die Zugfahrt von Wien nach Krems mit Tempest‘ Musik im Ohr verbrachte, kann man nach dem Aussteigen nun nicht umhin, die tiefe Empathie die Kate Tempest für ihre Mitmenschen hegt, in sein eigenes Leben zu integrieren. Man fragt sich plötzlich, bei jedem Gesicht in das man blickt, welche Geschichten die Person mit sich herumträgt, welche Sorgen die überforderte Verkäuferin im Bahnhofs-Supermarkt quälen, die einem lieblos den Becher gefüllt mit 1€ Kaffee zuschiebt, was der Mann auf der Parkbank, der stumm vor sich hinstarrt, wohl zu erzählen hätte, würde man ihn fragen, wo die Menschen herkommen, wo sie hinwollen und warum.

Mehr eine spoken word Performance als ein Musikkonzert

Auch Kate Tempest scheint sich Fragen dieser Art bei jedem einzelnen Menschen zu stellen, den sie trifft. Haben Irreversible Entanglements, die Free Jazz Band aus den USA, die vor Tempest auf der Bühne stand, ihren Auftritt noch bestritten, ohne auch nur ein einziges Mal das Publikum eines Blickes zu würdigen, verfolgt Kate eine gegenteilige Strategie. Sie studiert die Gesichter der Menschen in der Menge, scheut sich nicht Augenkontakt zu halten, manchmal bis zu einer halben Minute. Sie fordert Aufmerksamkeit ein, es scheint ihr allgemein unheimlich wichtig zu sein, wie ihre Worte transportiert und wahrgenommen werden. Interviews lehnt sie meist ab, außerdem bat sie vor dem Konzert darum, die Handys in den Taschen zu lassen, keine Fotos, kein Filmen. Selbst der Applaus, der manchmal zwischen ihren Songs ertönt scheint sie zu stören, sie, die an ihren Texten feilt wie an einem rohen Diamanten, will, dass ihre Worte unangetastet bleiben und im Raum bleiben ohne verzerrt zu werden oder missverstanden, weder von einem unaufmerksamen Publikum, noch von gehässigen Musikjournalisten, die ihren Beruf nicht so gut verstehen, wie sie den ihren. Die Setlist des heutigen Abends besteht aus Songs ihrer beiden Solo-Alben, "Everybody Down" und "Let Them Eat Chaos", ein paar neuen Songs des im Juni 2019 erscheinenden nächsten Albums und einer Vertonung ihres Gedichtes "Brand New Ancients". Begleitet wird sie dabei nur von einem jungen Mann, der Beats am Mac abspielt und den sie nicht weiter vorstellt und dem talentierten Londoner Produzenten Dan Carey (The Kills, Bat For Lashes, Toy), der auch ihre Alben produziert hat, an den Synths. Für diesen Abend braucht es auch nicht viel mehr als eine reduzierte Live-Band, denn Tempest spielt fast alle ihre Songs in entkleideten Versionen, die den Auftritt dadurch mehr einer spoken word Performance, als einem Musikkonzert gleichen lassen. Manche Songs ("We Die") gewinnen dadurch, andere ("Europe Is Lost") verlieren leider etwas.

Was ist das für eine Welt, in der man glaubt, die Gesellschaft vor Menschen wie Kate Tempest schützen zu müssen

Kate Tempest privatDoch das ist nicht weiter schlimm, denn vor einem steht eine große Künstlerin, die weiß, was sie tut. Man merkt wie sehr sie ihre Kunst und die Charaktere in ihren Songs liebt - allen voran Becky, eine tragische, aber starke Figur, welche beinahe ihr ganzes erstes Album beherrscht - denen sie nicht nur viele ihrer Lieder, sondern auch einen Roman gewidmet hat. "The Bricks That Built The Houses", ihr Buch, das 2016 bei Bloomsbury erschienen ist, entführt einen auf 399 Seiten noch tiefer in die Leben ihrer Protagonisten, in diese unglaublich facettenreiche Welt, die einen nicht mehr loslässt und deren Figuren so detailliert gezeichnet sind, dass man kaum glauben kann, dass sie ein reines Phantasieprodukt sind.

Doch in Kate Tempest Kopf entstehen laufend neue Figuren, die Eingang in ihre Lieder, ihre Gedichte und ihre Theaterstücke finden. Sie selbst kam durch ihren Vater von Kindesbeinen an mit Lyrik und Musik in Berührung. Die Schule hat sie abgebrochen, nicht nur aufgrund ihres mangelnden Erfolges, sondern auch - so erzählt sie es in Interviews - weil man sie in eine Sonderklasse für Schwer-Erziehbare gesteckt hatte, ein Ort, an dem sie fast verrückt geworden wäre. Diese Tatsache wirkt umso unglaublicher, je mehr man sich mit Kate Tempest beschäftigt. Was ist das für eine Welt, in der man glaubt, die Gesellschaft vor Menschen wie Tempest schützen zu müssen, einer Frau, die so voller Empathie und Weitsicht ist und deren Kunstwerke von solch einer profunden Menschenkenntnis zeugen?

There is so much peace to be found in people's faces

Vielleicht kommt daher Kates Misstrauen, ihre Angst ständig missverstanden zu werden. Doch jetzt ist ihre Zeit gekommen, jetzt will sie es richtig machen. Bevor Kate Tempest die Bühne verlässt, schweift sie noch einmal über die Menge und singt mit verschmitztem Lächeln: "There is so much peace to be found in people's faces". Man versucht etwas von diesem heraufbeschworenen Frieden in sich nachwirken zu lassen, als man nach dem Konzert wieder in die eisig kalte, regnerische Nacht hinaustritt. Und zu hoffen, dass das Happy End, das Kate Tempest schlussendlich immer all den Figuren in ihren Büchern und Songs zugesteht, auch unserer Gesellschaft zuteil wird. Und die sollte sich dabei an Kate Tempest ein Beispiel nehmen, die ihren Song "Tunnel Vision" mit den Worten schließt: "I'm pleading with my loved ones, to wake up and love more". //

Text: Christina Masarei
Foto: Donaufestival Krems, Kate Tempest Instagram und PR

HIER KANNST DU LET THEM EAT CHAOS VON KATE TEMPEST KAUFEN.