Ich habe eben nie gelernt von mir zu reden.
Zwei neue Filme aus Frankreich lassen von sich reden. Von Stephanie Lang.
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Angel-A
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Die Zeit die bleibt
Zwei allein stehenden Männern um die 30, die am Anfang schon am Ende sind. Der Eine, weil er sich in seinen Lügen verstrickt. Der Andere, weil er durch einen Tumor nicht mehr lange zu leben hat. Zwei erfolgreiche französische Filmemacher beschäftigen sich mit der Ausweglosigkeit ihrer männlichen Protagonisten und erschaffen Ihnen „Gefährtinnen“.
Ich habe eben nie gelernt von mir zu reden
Es scheint gerade eine Welle zu geben, in der sich eine romantische Generation von Männern engelhaftes zurück wünscht. Wesen, die ihnen zur Seite stehen, sie retten, ausschließlich nur für sie da sind. Besson hat in seinen neusten Film „ANGEL-A“ einen ganz konkreten sehr schlagkräftigen Engel gezaubert. Ozon lässt in seinem Film „Die Zeit, die bleibt“ seinen Protagonisten kurz vor seinem frühzeitigem Tod Frauen begegnen, die ihm nicht zu nahe kommen können, daher nahe kommen dürfen - und er steckt gerade in den Dreharbeiten zu seinem neusten Film mit dem Titel „Angel“ - nach einer Novelle des Filmstars Elisabeth Taylor.
Scheitern oder nicht scheitern
In Bessons Film sagt ER gleich zu Beginn: „Ich bin 28 und erfolgreich.“ Man schlägt ihn für diese Lüge ins Gesicht. Die Amerikanische Botschaft erklärt ihm: „Wenn jemand etwas für Sie tun kann, dann nur Sie selbst.“ Ein Engel taucht auf, um ihm zu helfen. – In Ozons Geschichte sagt ER: „Ich weiß nicht was richtig ist, was ich machen soll.“ Der Arzt rät ihm: „Sie sind jung, mir wäre es lieber, sie würden kämpfen.“ Doch die Geschäftswelt behauptet: „Manchmal sollte man ablehnen, um nicht zu enttäuschen.“
„ANGEL-A“ – ein Engel in Paris
Luc Besson erfindet in seinem neuen Film „ANGEL-A“ für seinen gescheiterten Helden ein Himmelswesen, das ihn aus dem gröbsten Schlamassel herausholt. Er entführt den Zuschauer in ein schwarz-weißes Paris mit zwei Protagonisten, die kontrastreicher nicht sein könnten.
1 ½ Monate hat Besson mit seinen Darstellern, Jamel Debbouze und Rie Rasmussen, geprobt. Das Ergebnis ist ein sehr natürlich und intensiv agierendes Schauspielerpaar, das es schafft eine Geschichte plausibel zu machen, die ihre entrückte Eigenart gar nicht erklären will. Debbouze hat zum Beispiel ab einem bestimmten Zeitpunkt seine rechte Hand in der Manteltasche und nimmt sie bis zum Ende nicht mehr heraus. Weil das eben so ist.
Kunstgriffe ohne Ende
Durch die irrealen Elemente des Films - es handelt sich wirklich um einen Engel an seiner Seite, und nicht um eine Frau, die sich wie ein Engel benimmt - treibt Besson die geheimen Wünsche und Sehnsüchte seines verlorenen Protagonisten gnadenlos auf die Spitze. Seine Traumvorstellungen werden ans Licht gebracht, real verkörpert und gewinnen dadurch Handlungsspielraum. Der Träumer wird konfrontiert mit seinem Wollen - in all seiner Konsequenz und Brutalität, so wie in seiner Schönheit und Erfüllung.
Gerade die Künstlichkeit der schwarz-weißen Bilder lässt uns das moderne Paris deutlich erleben. Die zutiefst traditionellen Strukturen dieser pulsierenden Großstadt werden durchschaubar, da wir nicht durch die Reizmechanismen von eingesetzten Farben verblendet werden.
Engelszunge, Gesang inklusive
Anja Garbarek ist die Tochter von Jan Garbarek, dem bekannten Saxophonisten, und somit im Umfeld von Stanley Clarke und Miles Davis aufgewachsen. Also im Olymp intuitiver moderner Komposition. Ihre ersten zwei Alben inspirierten Besson, während er das Drehbuch geschrieben hat, und so war ihr Gesang von Anfang an Teil des Films. Dieses Element kommt der archetypischen Vorstellung der Engelsstimme so nah, dass man - indem man die Tradition erkennt und akzeptiert - sich auf die Geschichte einlässt, oder spätestens jetzt den Kinosaal verlässt.
Das uneitle Spiel der Hauptdarsteller und die Gnadenlosigkeit der realen Folgen eines gescheiterten Träumers, bieten jedenfalls genug Möglichkeiten, diese Fiktion zu genießen und sich über die himmlischen Klischees zu amüsieren.
„Die Zeit die bleibt“ - 2. Teil einer Trilogie über den Tod
François Ozon erschafft mit seinem Film „Die Zeit, die bleibt“ ein sprödes Melodram, was durch die erotische Verführungskraft seines Protagonisten das Publikum bewegen soll, auch für einen „grausamen Egozentriker“ (Zitat Ozon) Mitgefühl zu entwickeln.
Sein männlicher Protagonist, gespielt von Melvil Poupaud, ist ein erfolgreicher Modefotograf, der plötzlich nicht mehr wie gewohnt funktioniert. Sein Körper macht nicht mehr mit. Er hat Krebs. Er entscheidet sich gegen eine Behandlung, und hat damit noch drei Monate Zeit mit seinem Leben und allem, was daran beteiligt ist, abzuschließen.
Familie und ihre Traditionen
Seine Rückschau streift seine eigenen Kindheitserinnerungen, seine Kleinfamilie - ER: „Ich sage was ich denke.“ MUTTER verteidigt die Schwester: „Sie ist labil!“ ER: „Ich bin auch labil.“ VATER später allein: „Ich habe eben nie gelernt von mir zu reden.“
Er trennt sich von seinem Freund, ohne ihm zu sagen, wie es um ihn steht.
Nie verliert er seine Distanz, doch er erlebt durch die begrenzte Zeit, die ihm bleibt, zumindest ein ungewohntes Interesse an seiner Umgebung. Eine neue Wahrnehmung wird möglich. Sie führt ihn bis zu seiner Großmutter, großartig Jeanne Moreau, der er sich als einzige anvertraut. Weil: „Du bist wie ich, Du hast nicht mehr lange zu leben.“ In der Begegnung mit ihr kann er erkennen, dass es ihm nicht möglich war Zärtlichkeit und Sexualität zugleich erleben zu können.
Fiktion über den Tod als Einstieg ins Leben
„Romain ist eine allegorische Figur“, sagt Jeanne Moreau in einem Interview. „Ich bin mir gar nicht sicher, ob er am Ende wirklich stirbt.“ So gesehen, wäre der Film eine Fiktion über den Tod als Einstieg ins Leben. Die Spielereien des „infantilen Egoisten“ bekommen ein absehbares Ende und damit neue Chancen zu einer anderen Existenz. Was nur zu funktionieren scheint, wenn man wirklich leidet. Körperlicher Verfall in Cinemascope. Unterlegt mit der wunderbar spärlichen Musik von Arvo Pärt. Die tödliche Seite der Medaille „Leben“ wird uns als sinnliches, unsentimentales Erlebnis schmackhaft gemacht. (Stephanie Lang)
Verleih:
Angel-A ist im Verleih von Tobis.
Die Zeit die bleibt ist im Verleih von Prokino.